Macht’s nie wieder Krieg!

Edith Spandl kramt in ihren Erinnerungen…

Edith Spandl kramt in ihren Erinnerungen…

Seit 1945 feiert die heute 90-jährige Edith Spandl an jedem 30. Jänner ihren zweiten Geburtstag. Die sympathische Wienerin erlebte das, worüber Hollywood & Co. gewinnträchtige Blockbuster produzieren: Mit nur 21 Jahren überlebte sie als eine der wenigen den Untergang des Nazi-Kreuzers Wilhelm Gustloff, die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten… Ein Interview über das Leben einer jungen Frau zu jener Zeit, als Adolf Hitler und seine Schergen Europa terrorisierten.

Edith Spandl wurde am 9. Jänner 1924 in Wien geboren. Die Mutter war Hausfrau und Hausbesorgerin, der Vater Schlosser. Während sie noch die Schule besuchte, gingen zwei ihrer Schwestern nach Dänemark, eine nach England. Nach Beendigung der Pflichtschule, mit 14 Jahren, wurde Spandl zum Landdienst nach Deutschland einberufen. Nur zwei Jahre später war der Teenager Vollwaise…

Kipet: Wie kommt es, dass Sie am 30. Jänner ihren 2. Geburtstag feiern?
Spandl: In meiner Jugend habe ich das erlebt, worüber heute Filme gedreht werden. Ich überlebte die schrecklichste Schiffskatastrophe aller Zeiten. Und keiner glaubt’s! Man muss das den Kindern heute auch erzählen. Es wird gehört, aber empfunden nicht. Aber alles der Reihe nach. Also damals, 1938 – ich war 14 – hat man mich am Arbeitsamt am Esteplatz zum Landdienst nach Schleswig-Holstein vermittelt. Meine Mutter versuchte mich zu trösten und meinte: „Das macht nichts. Schleswig-Holstein ist nahe Dänemark, da kannst du deine Schwestern besuchen.“ Das Treffen mit meinen Schwestern hat damals aber nie stattgefunden… Also ich kam in den Landdienst und konnte als Stadtkind natürlich keine Kühe melken. Das musste ich erst lernen. Ich war am Feld und habe dort gearbeitet. Den Stall hat der Bauer gemacht. Gewohnt hab ich neben den Pferden im Stall.

Kipet: 14, da waren Sie aber noch sehr jung!
Spandl (mit Tränen in den Augen): Der Hitler hat mir meine ganze Jugend gestohlen! Als ich im Landdienst war, passierte eine furchtbare Geschichte: 1941, als ich 16 Jahre alt war, starb mein Vater. Meine Mutter rief mich nach Hause und wenig später starb auch sie – an Brustkrebs. Als ich eines Tages meine Mutter im Lainzer Krankenhaus besuchen wollte, erlebte ich Schlimmes: Ich hatte nicht das Geld um mit der Straßenbahn zu fahren, ich ging die ganze weite Strecke zu Fuß. Als ich endlich im Spital war, sah ich, dass das Bett meiner Mutter leer war. Ich fragte eine der Krankenschwestern wo denn meine Mutter sei, meinte sie eiskalt: „Die ist schon am Eis!“  Ich bekam keine Zuwendung von nirgendwo. Ich war damals 16 Jahre. Eine Vollwaise und ganz allein in Wien.

Kipet: Wie ging’s mit Ihnen weiter?
Spandl: Ich habe mich weiter gerappelt. Bin in die Postsparkasse am Robert-Koch-Platz im 1. Bezirk in die Zentrale gekommen. Danach in eine Zweigstelle in der Bäckerstraße. Ich war in der Buchhaltung und musste noch an diesen alten Buchungsmaschinen arbeiten (lächelt). Dort habe ich die Einberufung bekommen: Ich wurde Marinehelferin. Die Ausbildung bekam ich auf der Insel Föhr, da habe ich „Dididadidit“ gelernt (lacht) – das Funken. Ich war Funkerin in der Nordsee. Ich wurde 1945 aus der Schulung entlassen und wartete auf die Berufung in einen Sender. Ich kam nach Gotenhafen, nach Ostpreußen, an die Grenze zu Polen. Heute heißt der Ort Gdingen. Dort stand das Schiff, das KdF-Schiff Wilhelm Gustloff – wir haben gesagt „KdF – kannst-dich-freuen“. Das Schiff stand also im Hafenbecken – ein Mordshotel.

Kipet: Wann war das denn genau?
Spandl: Das alles war am 30.1.1945. 1945 kamen die Russen immer näher. Alle, die in Pommern und so weiter gewohnt haben, sind zu diesem Schiff, zur Wilhelm Gustloff gekommen um zu fliehen. Das Schiff war voll mit Flüchtlingen. Wir Marinehelferinnen mussten uns in einem Raum gleich neben den Maschinen aufhalten. Wir haben es dort unten kaum ausgehalten! Da bin ich mit zwei anderen Mädchen, der Stixi und der Annemarie, die Stiegen wieder rauf gegangen. Da kam uns ein Soldat entgegen, der fragte was wir denn hier oben wollen. Ich hab gesagt: „I krieg da unten ka Luft!“ Er hat geantwortet: „Du bist ja a Wienerin!“ – er war unser  Schutzengel, wir durften auf das Sonnendeck gehen und uns dort hinsetzen.
Das Schiff war schon zum Auslaufen. Es war schon Nacht und wir drei waren oben am Sonnendeck. Wir haben auf einmal einen Kracher gehört, der erste Torpedo, der das Schiff getroffen hat. Die Gustloff ist seitlich gekippt. Wir sind am Hintern über die Stufen zum ersten Deck hinunter gerutscht, so schief ist es da schon gelegen. Dort gab’s Rettungsboote, sehr lange Boote. Da war’s schon Mitternacht und bitterkalt (Anm.: In dieser Nacht wurden -18° Celsius gemessen). Wir sahen Menschen in der See im Hafenbecken treiben, mit ihren Kindern in den Armen, die waren schon erfroren. Das war grausig anzuschauen!

Kipet: Das muss ja furchtbar gewesen sein…
Spandl: Ja, das war es… Dann kam der zweite Treffer. Da hat’s geheißen „ab ins Boot!“ Wir mussten selber das Rettungsboot aufs offene Meer hinaus rudern. Wir waren schon vor der Halbinsel Hela. Das Schiff sank und der Sog drohte uns mitzureißen… So viele Menschen gingen mit der Gustloff unter… (weint). Wir sind die ganze Nacht im Boot gesessen. Ich habe eine Fata Morgana gesehen. Es waren aber wahrscheinlich nur die Lichter des untergegangenen Schiffes im tiefen Wasser. In der Nacht kam von weitem ein Schiff, ein großes Torpedoboot. Die hatten schon vorher Menschen aus dem Wasser gefischt. Die haben uns an den Händen aus unserem Boot an Deck gehoben.

Kipet: Wissen Sie wie viele Menschen in dieser Nacht an Bord waren und wie viele das Unglück überlebt haben?
Spandl: Ich habe gehört, dass nur 1.000 Menschen gerettet wurden. 9.000 Menschen versanken in eisiger Tiefe. Und ich war als einzige Wienerin unter den Geretteten.

Kipet: Was passierte nachdem Sie gerettet wurden?
Spandl: Ich habe alles verloren. Ich habe einen Mann mit nackten Füßen stehen sehen und gab ihm meine Überschuhe. Ich hatte danach ganz erfrorene Füße. Wir wurden als Schiffsbrüchige aufgenommen und ich bekam ein Matrosengewand. Ich hatte nichts mehr. Mein Koffer ist am Schiff gewesen. Alles war weg. Mein gesamtes Hab und Gut war untergegangen. Die Deutsche Begleiterin wurde nach Hause gebracht. Wie die Stixi nach Hause kam weiß ich nicht. Ich bin dann ins Lager nach Wilhelmshaven gekommen. Mit dem Viehwagen. Es war Kriegsende und die Soldaten kamen aus Frankreich zurück. In Wilhelmshaven war ein Lager, das die Engländer geführt haben. Ich musste dort in der Küche arbeiten. Dort habe ich endlich was zu Essen bekommen. Ich habe dort auch zum ersten Mal Cadbury’s Schokolade bekommen (lacht)!

Kipet: Wie sind sie wieder nach Wien gekommen?
Spandl: Im Lager lernte ich meinen Mann kennen, wir waren nur sieben Jahre verheiratet und hatten keine Kinder – das war einfach nix mit uns! Mein Mann und ich – da hat’s plötzlich einen Autobus von Wilhelmshaven nach Wien gegeben. Man hat mir eine Kleiderkarte gegeben, als Wiedergutmachung. Damit ich mir in Wien Kleidung besorgen kann. Er war Wiener und hat in Hirschstetten gelebt. Sein Vater hat damals eine Kriegerheimstätte mitbegründet. Eine Siedlung, die gibt es noch heute. Wien hatte man zu Kriegsende bombardiert. Ich hatte im 16. Bezirk ein kleines Kabinett. Gott sei Dank war die Wohnung da. Mein Mann zog in seine, in der Spandlgasse, in die Siedlung.

Kipet: Wie haben Sie das alles verarbeiten können?
Spandl: Ich habe  ein Notizbuch von der Schiffskatastrophe angelegt. Das war die bitterste Zeit meines Lebens… Da sind dann diese Tage, da kommt das alles dermaßen stark wieder… Ich rede darüber und versuchte damals mit Freunden darüber zu sprechen. Meine Mitschülerinnen aus der Schulzeit waren in alle Winde zerstreut, wir haben uns alle verändert. Ich erzähle das heute den Kindern: „Du merk dir das. Das hörst du nicht alle Tage. Ich habe das alles erlebt!“ Jeden 30. Jänner feiere ich meinen zweiten Geburtstag. Meine Familie und ich feiern gemeinsam.

Kipet: Wie ging für Sie das Leben weiter?
Spandl: Nach der Scheidung hatte ich einen schönen Freundeskreis. Wir waren vier Ehepaare, man hat mich wie in eine Familie aufgenommen. Wir haben viel gemeinsam unternommen – Ausflüge, Ferien. Ich reiste auch nach England und Dänemark zu meinen Schwestern.
Beruflich hat es mich ins Schirmgeschäft Huber, im 18. Bezirk verschlagen. Die hatten Filialen im 18., 10. und 1. Bezirk. In der Inneren Stadt, da war ich sehr gern. Die Filiale war am Hohen Markt. Danach kam ich in die Filiale im 3. Bezirk, auf der Landstraßer Hauptstraße, bei der Goldenen Gans am Rochusmarkt. Dort war ich Filialleiterin. Die Filiale in der Ottakringerstraße war meine letzte Stelle. Dann hat man Huber-Schirme aufgelassen.

Kipet: Haben Sie vielleicht erfahren was aus Ihrem Schutzengel auf der Gustloff geworden ist?
Spandl: Jahre später habe ich im Fernsehen eine Dokumentation über die Gustloff gesehen und dort haben sie den Mann gezeigt, der mit uns damals geredet hat. Unseren Schutzengel. Ich habe den ORF angerufen und fragte nach seinem Namen. Das war der Herr Fuchs. Wir haben seitdem immer Kontakt gehabt. Ich erfuhr von ihm, dass er Funker auf der Gustloff war und den Funkspruch der Russen mithörte, als die Gustloff torpediert werden sollte. Er kam dann sogar nach Wien – er war in Oberösterreich zu Hause, in Gallneunkirchen. In Wien gibt’s in der Schwarzspanierstraße einen Marineclub. Dort sprach er vor österreichischen Kapitänen. Die wollten damals auch meine Geschichte hören…

Kipet: Wollen Sie meinen Lesern etwas sagen?
Spandl: Ja! Macht’s nie wieder Krieg! Keinen Nationalsozialismus mehr – bitte! Nein! Und wehrt euch gegen diese Randalierer. Diese Hitlerei… den Hitler hätt ich woll’n treten! So muss man halt leben, dass man 90 wird. Ich versuche, was mir möglich ist!

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Kategorien:Geschichte, Interview, Leute

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  1. Wow. Was für eine Geschichte. Eine sehr beeindruckende alte Dame. Danke für das Interview, Kipet.

  2. Gern geschehen, S.A.M. Das Interview war nicht immer einfach, weil das Erzählen hat die alte Damen teilweise sehr mitgenommen. Sie hat erzählt, dass sie die Bilder der im Wasser treibenden Toten nicht vergessen wird, so lange sie lebt… Geschichten wie diese gehören erzählt!

  3. Auch von mir ein großes Dankeschön!
    An dich liebe Kipet und ganz besonders an die bewunderungswürdige, alte Dame.
    Schlimm, was sie in ihrem Leben erdulden musste und trotzdem ihren Lebensmut nicht verloren hat!
    So bewegend. Meine Hochachtung!

  4. Sie ist eine toughe Dame, diese Frau Spandl – ihr Motto: „Ich tu was ich kann…“ – und das mit ihren 90 Jahren! Hut ab!

  5. Was für eine Lebensgeschichte.
    Schlimm, was unsere Urgroßeltern alles erlebt haben. Ich bin froh hier und jetzt zu leben und nicht damals, als Adolf Hitler die Macht hatte.

  6. Was Frau Spandl immer wieder in unserem Gespräch gesagt hat war, dass der Hitler ihre Jugend zerstört hat und dass sie ihm heute am liebsten treten würde. Ich denke, diesen Gedanken hat nicht nur sie. Wir können nur darauf schauen, dass Menschen wie Hitler nicht wieder an die Macht kommen. Da muss sich jeder selbst an die Nase fassen und tun, was er/sie kann!

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