Happy Birthday, Oma!

Hochzeitsfoto meiner Großeltern

Momentan geht sie mir nicht aus dem Kopf, meine Großmutter. Vielleicht weil sie heute Geburtstag hätte.

Oma war Jahrgang 1921. Sie hat viel erlebt. Schönes, weniger schönes. Schlimmes. Sie hatte sechs Geschwister. Zwei davon, die beiden jüngsten Mädchen, sind noch am Leben. Gewohnt hat die neunköpfige Familie in einem kleinen Zweizimmerhaus in Stammersdorf. Oma liebte die Schule. Sie wollte unbedingt Erzieherin werden. Zuhause brachte sie ihren jüngeren Geschwistern das Lesen bei. Am riesigen Küchentisch, der das größte Zimmer im kleinen Hütterl dominierte wie nichts Zweites.

Doch wie immer kam alles ganz anders. Vor allem der Krieg, der kam und machte viel kaputt, zerstörte Träume und Leben. Während des 2. Weltkrieges arbeitete Oma in einer Hutfabrik in der Mariahilferstraße. Jeden Morgen ging sie mit ihren Schwestern und ihrer Freundin Adi stundenlang von der Wohnsiedlung in Stammersdorf in den sechsten Bezirk. Hin und zurück. Sie erzählte mir von den furchtbaren Momenten als die Bomben auf Wien fielen. Sie versteckte sich nicht gern in den Kellern der umliegenden Häuser. Sie lief lieber schnell nach Hause um sicher zu sein, dass die Familie wohlauf war.

Ein Bruder blieb im Krieg – was wirklich mit ihm passierte, wie er starb wird wohl ewig eines der vielen ungelösten Geheimnisse rund um die Schlacht von Stalingrad bleiben. Dabei war er nach Erzählungen meiner Großtante immer so lustig und gab vor seinen Feldkameraden mit seinen hübschen Schwestern an, zeigte Bilder. Oma sagte einmal: „Ich hab sehr mit ihm geschimpft! Wir waren doch keine Pin-up-Mädchen!“

Nach dem Krieg wurde alles leichter. Obwohl – fürchten mussten sie sich schon, die hübschen Mädels, wegen der Soldaten, die jetzt Wien kontrollierten. Trotzdem ging sie gemeinsam mit Adi und ihren Schwestern aus. In Tanzcafés. „Wir sind da in eines im 8. Bezirk gegangen. Dort saßen wir an unserem Tisch, die Adi und ich, und vor uns stand ein Telefon. Natürlich haben wir nicht lange warten müssen, da haben schon die ersten Männer Interesse gezeigt und uns an unserem Tisch angerufen.“ Danach haben sie die ganze Nacht getanzt…

Meinen Opa lernte Oma in ihrem Job bei einer Wiener Zeitung kennen. Opa war damals verheiratet und hatte eine Tochter, meine liebes Tantchen, das heute mit ihrer Familie am anderen Ende der Welt lebt. Schade, denn ich hätte sie gern in meiner Nähe. Jedenfalls war man schnell verliebt. Opa wurde geschieden, damals ein wahnsinniger Skandal, und heiratete meine Oma. Fünf weitere Kinder wurden geboren. Zwei Jungs, drei Mädels. Man zog in ein großes Haus in einer Kleinstadt vor Wien. Oma war ab da nur noch Hausfrau und Mutter.

Als die Enkerln kamen, allen voran meine Wenigkeit, war Oma sehr froh. Anfangs lebte ich mit meiner Mutter und meinem Bruder ebenfalls in dem Haus, als ich dann aber in die Schule kam, zogen wir in die Stadt.

Ich muss gerade in die Volksschule eingetreten oder in die zweite Klasse gegangen sein als Opa starb. Trotz der vielen Kinder war den beiden jedoch kein Liebesglück beschieden. Die Ehe war nicht glücklich und Opas frühes Ende wohl eher ein „Aufgeben“.

Die Sommer verbrachten meine zwei Cousinen, mein Bruder und ich immer bei Oma am Land. Wir machten viel Unsinn. Bauten Baumhäuser im Wald, waren den ganzen Tag über weg und kamen nur nach Hause, wenn uns der Magen knurrte. Sorgen? Nein, Oma blieb total cool. Zumindest ließ sie es uns nicht merken, wenn wir zu lange weg blieben. Wenn wir heim kamen gab’s immer was zu futtern – zuerst bekamen die Kleinen, zuletzt ich. Über die Reihenfolge der Essensverteilung hatten Oma und ich immer wieder Zank. Aber da blieb sie standhaft.

Die Zeit verging, es kamen die ersten Urenkerln auf die Welt.

Und die Zeit blieb nicht stehen. Oma wurde alt und älter. Ihre Geschwister starben. Nur noch Oma und zwei Urgroßtanten waren übrig. Oma bewohnte das große Haus völlig allein, bis das Herz nicht mehr mitmachte. Sie ging in eine Altersresidenz, was ihr anfangs sehr schwer fiel. Doch sie fand noch rasch ein paar liebe Freundinnen und verbrachte dort noch einige schöne und lustige Jahre bis sie letztendlich in ihren Sterbevisionen mit ihrer Mutter auf eine letzte große Kreuzfahrt ging.

Ich denke oft an meine Oma. An ihr Leben. Versuche mir Splitter in meinem Hirn wieder lebendig zu rufen. Versuche mich an ihre Stimme zu erinnern. Es wird von Jahr zu Jahr schwieriger dies zu tun. Deswegen bin ich froh, dass ich dieses Hochzeitsfoto meiner Großeltern am Schreibtisch stehen habe. Immer wieder schaue ich beim Arbeiten zwischendurch auf diese beiden Menschen, denen ich – nebst Mama und Papa – mein Dasein zu verdanken habe, erinner‘ mich an eine Begebenheit, lächle und arbeite weiter…

Also, Oma – wo immer Du auch bist – Happy Birthday!

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Kategorien:Essays

3 replies

  1. Ja schön wenn sich auch nach Jahren noch jemand erinnert, gerade in unserer schnellebigen Computer Zeit sicher nicht selbstverständlich!
    Das würd ich mir auch wünschen! Habe 6 Kinder; –geboren zwischen 1964 +1977,
    14 Enkel; –geboren zwischen 1987 + 2005 und
    2 Urenkel; -geboren 2007 + 2009
    Hildegard

  2. Hallo Hildegard, willkommen auf meinem Blog!

    Da hast Du aber eine wunderbar große Familie und es ist sicherlich immer viel los. Das erinnert mich an unsere Fest- und Feiertage, an denen auch die ganze Großfamilie beisammen war. Laut war’s. Lustig war’s. Das sind unvergessliche Momente für alle.

    Die Mama und den Papa hat man natürlich sehr lieb. Aber die Oma, das ist immer etwas gaaanz Besonderes für Enkerl und Urenkerl.

    Meine Oma wird immer irgendwie bei mir sein. Ich denke oft an sie. So schnelllebig unsere Computerzeit ist, aber das Gefühl wenn man an einen geliebten, wertgeschätzten Menschen denkt, das kann kein Blechkasterl ersetzen!

    Alles Liebe – an Dich und Deine Familie,
    Kipet

  3. Es ist schön, so liebevolle Worte der Erinnerung einer Enkeltochter zu lesen.

    Sie zeigen, dass die Ver da, jedoch in unserer Erinnerung immer noch ihren Platz haben.
    Halt nur auf die andere Seurl=

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