09/11 – Manhattan im Ausnahmezustand

Der 11. September 2001 schrieb in der Geschichte der Menschheit sein eigenes grausames Kapitel, als zwei Flugzeuge von Terroristen ins World Trade Center in New York City gesteuert wurden. 2602 Menschen fanden in dem Inferno den Tod und die Welt sah dem Horror via Live-Sendungen im TV zu. 

Verschwörungstheorien hin, Terroranschläge her. Was wirklich geschah werden wir erst viel später erfahren – oder auch nicht. Was wir wissen: Der 11. September 2009 veränderte die Welt. Vor allem die Welt der US-Amerikaner. Erstmals in der immer noch relativ jungen Geschichte der USA wurde dieses Land angegriffen. Der Schock lähmte einen ganzen Kontinent – nein, den ganzen Globus. 

Doch wie erlebte New York City 09/11?
Was geschah auf den Straßen von Manhattan vor, während und nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center?

Heute möchte ich den Big Apple in den Tagen rund um den 11. September 2001 beschreiben – wie ich diese traumhafte Stadt im schlimmsten denkbaren Ausnahmezustand als Touristin erlebt habe:

In den Tagen vor dem 11. September 2001 zeigt sich Manhattan als lebendige, aktive und pulsierende Metropole. Tatsächlich – die Stadt, die niemals schläft. Freundliche Menschen, die offen auf Fremde zugehen, immer mit Rat und Tat zur Seite stehen. Ich lerne Manhattan als weltoffene Stadt kennen, ein kunterbuntes Miteinander. Fröhlich, frei. 

Dann, der Tag des 11. September 2001. Der Morgen zeigt einen strahlend blauen Himmel – nichts kündet von dem nahenden Drama, den Terrorattacken auf das World Trade Center (WTC). Dann der Einschlag der Flugzeuge in die beiden Türme. Manhattan bebt.

Der erste Schock, das erste Realisieren in den Gesichtern der Menschen. Sirenengeheul der im Höllentempo in Richtung Financial District rasenden Einsatzkräfte. Menschentrauben bilden sich vor den Lokalen. Fernseher flimmern laut vor sich hin. Manhattan erstarrt in dem Wissen: Jeder kennt jemanden, der jemanden kennt, der jetzt im WTC ums Überleben kämpft oder als Lebensretter dort seinen Dienst versieht. Das Fernsehen überträgt live, zeigt, wie Menschen aus den Fenstern der oberen Stockwerke des WTCs in den Tod springen, zeigt, wie Einsatzkräfte in die rauchenden Türme stürmen um zu retten was zu retten ist. Angst, Verzweiflung und blanker Horror auf den Gesichtern jener, die im letzten Moment den fallenden Türmen entkommen können. Das Sterben im WTC lässt niemand kalt. 

Am Ende des Tages ist gewiss: unzählige Menschen haben im Inferno des einstürzenden World Trade Centers den Tod gefunden. Manhattan versucht gemeinsam zu verarbeiten. Spontansessions, Lichterketten, Spontan-Graffitis, die das Ende des WTCs zeigen. Sitting Ins, Menschen, die einander umarmen, einander trösten und stärken wollen. Und eine betrunkene Stadt, die wenigsten für ein paar Stunden zu vergessen, zu verdrängen versucht.

Staubbedeckte Menschen, nass geschwitzte Menschen, Menschen mit eiskalten Händen, die nicht und nicht warm werden wollen. Männer und Frauen im Businesslook neben Pennern im Park und im Pub. Ganz Amerika wartet auf die TV-Ansprache des US-Präsidenten Geroge W. Bush – er lässt warten. Unmut macht sich ob der medialen Abwesenheit des Präsidenten bemerkbar. Als seine Ansprache endlich übertragen wird, und er Amerika auf einen bevorstehenden Krieg „Gegen den Terror“ einschwört, teilt sich das Lager der Zuhörer – teilweise wird Bushs Rede glühend und wütend befürwortet, teilweise vehementest abgelehnt und verdonnert. Diskussionen im Pub über den Tag, über die neue Welt, über George W. Bush.

Am 12. September kehrt – widersinniger Weise – langsam wieder Ruhe in die Stadt ein. Business as usual. Kopfschüttelnd und auch bewundern nimmt der Tourist das Gebaren der New Yorkies wahr. 

Immer noch bangt und hofft man allerorts um vermisste Familienangehörige und Freunde. Schlangestehen vor den Blutspendezentren. Die ersten Vermissten-Plakate erscheinen – „Missing Amy“ mit Foto, Telfonnummer und Adresse der Familie.

Da, wo noch am Vortag das World Trade Center stand, ist ein riesiger brennender Schutthaufen – „Ground Zero“. Immer wieder fahren Einsatzkräfte in Richtung WTC. Als ein Mann lebend aus den Trümmern geborgen wird, keimt noch einmal Hoffnung auf – doch in Wirklichkeit haben sich die meisten New Yorkies mit der Realität abgefunden.

Lange Menschenketten entlang der Straßen Richtung Ground Zero. Die Heroes, die Helden werden gefeiert, mit Nahrung und Wasser versorgt – Spenden von den umliegenden Minimarkets und Shops. Feuerwehrmänner, Polizisten und Ärzte. Die Männer und Frauen, die vom Ground Zero kommen, sind dick mit Asche bedeckt. Sie husten, weil der Staub sich in ihren Lungen breit macht. Sie starren mit leerem Gesichtsausdruck vor sich hin, weinen, schütteln ihre Köpfe und brechen auf der Straße zusammen. Das Entsetzen ist in ihre Gesichter geschrieben. Aber immer wieder ziehen die Heroes nach Downtown Manhattan um zu retten und zu bergen. 

New York blutet, das Leben geht weiter – verändert, aber doch. Die meisten Museen sind geschlossen. Die Lifte der Wolkenkratzer sind für die Öffentlichkeit gesperrt. Immer noch fürchtet man weitere Anschläge. Knallt einmal ein Auspuff in den Straßen, zucken die Menschen vor Schreck zusammen.

Etwas, womit man als Tourist niemals gerechnet hat: Man gehört ganz plötzlich dazu. Automatisch. Man wird in Diskussionen eingebunden, von wildfremden Menschen umarmt, macht bei Sitting Ins mit, steht schweigen gemeinsam mit den New Yorkies mitten in den Lichterketten im Central Park. Manhattan, eine Großstadt, in der Mord und Totschlag an der Tagesordnung stehen, verbreitet ein seltsames Gefühl der Ruhe und Einigkeit.

Eine alte Frau spricht uns an, weil sie hört, dass wir uns auf Deutsch unterhalten. Sie stammt aus Wien, lebte im zweiten Bezirk. Da sie Jüdin ist musste sie, als Hitler in Österreich einmarschierte, das Land verlassen. Sie freut sich sehr  uns zu sehen. Umarmt uns, begrüßt uns, heißt uns in „ihrer Stadt“ willkommen. Sie will viel über Wien erfahren, über den 2. Bezirk. Steht ihr Haus noch? Wir versprechen nachzuschauen … Wir setzen uns in ein Café und reden. 

Die Tage vergehen. Auch der Tourist kommt irgendwie zur Ruhe. Und da, das erste Mal seit Tagen tut man etwas, wovor man sich irgendwie gescheut hat: man sieht hinauf in den Himmel. Strahlendblau. Einzig eine dunkle, dicke Rauchwolke trübt die azurfarbene Perfektion. Seltsam. Der Himmel ist leer. Kein Flugzeug, kein Helikopter, nichts. Auch die Vögel scheinen Manhattan zu meiden. 

Der Heimflug ist gespenstisch. Unser Flug war einer der ersten, der zurück nach Europa ging. Ganz wie gebucht, pünktlich. Erst auf halber Strecke entspanne ich mich. Jetzt entführt sicherlich keiner mehr den Flieger und lenkt ihn in den nächsten Tower von Manhattan …

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Kategorien:09/11, Geschichte

1 Antwort

  1. ich habe eine tochter, die genau an diesem denkwürdigen tag – 9/11 – vor einigen jährchen das licht der welt erblickte.

    und gerade zum geburtstag feiern war sie genau zu diesem zeitpunkt in new york.
    und – sie wollte ihren geburtstag in einem internet-cafe des WTC feiern.

    mein sohn rief mich an diesem tag am frühen nachmittag im büro an und drängte mich ohne langer begrüssungsformeln mit knapper stimme, sofort ins internet einzusteigen.
    das war wohl erst mal ein ungeheurer schock, entsetzen, ohnmacht.
    doch kurz danach begannen mein gehirn und mein mutterherz realistisch zu arbeiten um wahrscheinlich den grossen schock erstmal zu minimieren und erträglich zu machen. wenigstens ein bisschen den druck zu reduzieren.
    wie ein blitz schoss mir die lebensgewohnheit meiner tochter ein.
    sie ist doch eine langschläferin.
    und in new york war es gerade kurz nach 9 uhr früh …
    wie sehr kann eine sonst vielleicht nicht so geschätzte verhaltensweise in brisanten situationen „gnade“ sein, wenn das leben eines geliebten menschen in frage steht.

    trotzdem war die angst gross, die ungewissheit schrecklich, die zeit endlos bis die erlösende nachricht kam, dass ihr nichts passiert war.

    jeglicher versuch telefonisch kontakt zu bekommen war unmöglich. die zeit bis zur realen gewissheit dass meine tochter lebt glich einem halben jahrhundert.

    und natürlich hat töchterlein zu dem zeitpunkt noch tief und fest geschlafen …

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