Dame mit Pudel

Samstag, 16.30 Uhr. Mein Kurs ist zu Ende. Ein bisschen geschlaucht, aber um einige wertvolle Informationen klüger, mache ich mich auf den Heimweg.

Eine Kurskollegin schließt sich mir an. Gemeinsam begeben wir uns in den Untergrund und warten am Bahnsteig auf die U-Bahn. Wir reden noch ein bisschen über das Gehörte, gehen noch dem einen und anderen Gedanken nach, diskutieren.

Die U-Bahn fährt ein, wir steigen in den Waggon und setzen uns auf den ersten  freien Vierersitz einer Frau gegenüber, die wir zunächst kaum beachten. Plötzlich erregt ein kurzer Eindruck – beinahe eine vorbei huschende Vision – meine Aufmerksamkeit. Neugrierig wende mich unserem Gegenüber zu.

Die Dame ist zirka in meinem Alter, nicht rundlich, nicht schlank. Sie trägt einen ominösen Kaschmirmantel – zugeknöpft bis oben hin – und einen karmesinroten, altmodischen Hut, den sie relativ tief ins Gesicht gezogen hat. Darunter blitzen blonde Löckchen hervor. Auf ihrer Nase thront eine zarte, güldene Brille. Insgesamt eine unscheinbare Erscheinung. Was also irritiert mich?

Mein Blick wandert ein bisschen tiefer. Da sehe ich auf ihrem Schoß einen grauen Zwergpudel liegen. Das Tierchen kuschelt sich friedlich auf einer weichen Decke liegend in die Armbeuge seines Frauchens. Es bewegt sich kaum. Fast könnte man meinen, es handle sich um eine Attrappe. Beim zweiten Hinschauen ist klar: Der Hund atmet.

Offenbar ist meine Kurskollegin meinem Blick gefolgt. In der gleichen Sekunde sehen wir einander staunend an. Doch das insgesamt skurril anmutende Bild ist noch nicht fertig verarbeitet. Unsere Blicke wandern wieder zu unserem Gegenüber: Neben der Dame steht eine Plastiktasche, dekoriert mit lauter kleinen, bunten Pudeln. Aus dieser Plastiktasche führt ein lindgrünes Garn. Mein Blick folgt dem Faden, dessen anderes Ende zu den Händen der Dame führt, die fleißig an einer filigranen Häkelarbeit werkeln.

Wir beide können ein amüsiertes Schnaufen nicht unterdrücken. Doch die Szenerie ist seltsam fesselnd: wir schauen wieder auf die Häkelarbeit, den Pudel, das Garn, den Mantel, den Hut, die blonden Löckchen, die güldene Brille und wieder zurück. Die Dame ihrerseits beobachtet uns, lächelt leise vor sich hin, und widmet sich wieder ihrer Häkelarbeit, die unter ihren unermüdlichen Händen ohne Unterbrechung wächst und gedeiht.

Zwischen meiner Kurskollegin und mir fällt kein Wort mehr. Es ist ein faszinierend-einfaches Schauspiel, das uns die Dame mit Pudel bietet. Grotesk, fehl am Platz. Zwischen Punk-, Handy- und Popkultur mutet dieses Schauspiel einer Szenerie aus lang vergangener Epoche an. Fast meint man im falschen Film zu sitzen, oder einen Film zu sehen.

Das Tierchen rührt sich mit keinem Zucken. Zwei Stationen später packt die Dame ihre Häkelarbeit ein, setzt ihren Hund sanft und vorsichtig auf den Boden. Das Tier streckt sich, gähnt und wedelt erwartungsvoll mit dem Stummelschwänzchen. Ein kurzes Schütteln und ein hündisch-liebevoller Blick auf das Frauchen darf nicht fehlen. Die Dame lächelt dem Tier liebevoll zu, spitzt die Lippen zu einem angedeuteten Kuss. Sie faltet die Decke, auf dem der Pudel gelegen hat, feinsäuberlich zusammen und packt sie in die Tasche mit dem Pudel-Muster.

Danach blickt sie uns nochmals in die Augen, lächelt, nickt uns grüßend zu, steht auf und verlässt in der nächsten U-Bahn-Station den Zug.

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Kategorien:Essays

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