Loslassen

Wenn Menschen im Sterben liegen, dreht sich die Welt nicht mehr.
Wenn Menschen im Sterben liegen, soll man verzeihen.
Wenn Menschen im Sterben liegen, soll man sie lieben.
Wenn Menschen im Sterben liegen, soll man ihnen Wärme geben.
Wenn Menschen im Sterben liegen, soll man ihnen den Weg ins Licht ebnen.

Träne

Meine Oma liegt im Sterben. Eine stolze, manchmal unverständlich unnahbare Frau. Hineingeboren in eine Zeit des Verzichts, des Krieges, der Angst – unvorstellbar große Angst – und des Verlustes.

Ständig kommen mir Omas Geschichten, die sie mir aus ihrem Leben erzählt hat, ins Bewusstsein …

So erzählte mir Oma einmal von einer Splitterbombe, die gegen Kriegsende auf der Straße vor ihrem Haus detonierte. In letzter Sekunde haben sich ihre Geschwister und sie im Garten auf den Boden geworfen. Die Splitter der Bombe sind nur so über ihre Köpfe hinweg geflogen. Als die Gefahr gebannt war, und die Kinder sich wieder vom Boden erhoben, stach ihnen der in Kopfhöhe wie von hundert klitzekleinen Mäusezähnen abgesägte Holzzaun in die Augen. Hätten sie sich nicht geistesgegenwärtig auf den Boden geworfen, hätte keiner überlebt.

Ebenso sind mir ihre Geschichten während der Angriffe der Alliierten in Erinnerung, zB. als sie in einer Hutfabrik auf der Mariahilfer Straße gearbeitet hat. Bei einer Bombenwarnung sind sie und ihre Freundin niemals in den Luftschutzbunker verschwunden. Sie sind lieber zu Fuß den ganzen Weg vom 6. Bezirk bis nach Stammersdorf gegangen. Lieber ein schnelles Ende als in einem Bunker auf die Bombe zu warten.

In der Besatzungszeit sind eben jene Freundin und sie gerne in ein Tanzcafé gegangen. Dort saßen sie wie zwei Grazien an einem Tischchen, auf dem ein Telefon gestanden hat. Oma war eine sehr hübsche Frau, ist sie heute noch. Natürlich haben etliche Galane wegen Oma angerufen, trotzdem hat immer ihre Freundin abgehoben, weil sie die Schlagfertigere – oder „die Goscherte“ – war.

Irgendwann hat Oma meinen damals verheirateten Opa kennen gelernt. Die Liebe zwischen den beiden war aber offensichtlich doch so groß, dass zwei Kinder daraus entstanden. Erst danach ließ Opa sich scheiden – in Zeiten wie jenen ein Skandal. Oma heiratete Opa und sie bekamen insgesamt fünf Kinder.

Die Ehe war nicht glücklich. Und am Ende starb Opa lange vor seiner Zeit. Ich kann mich an ihn leider nur noch in ganz kurzen Flashes erinnern: Meine Mutter, mein Bruder und ich haben im Haus meiner Großeltern gelebt. Fernsehen war schon von der ersten Sekunde meines Lebens an meine große Leidenschaft. Filmsüchtig geboren! Frühes Schlafengehen war eine Qual, eine Strafe für mich. Eines Nachts, ich war sicherlich nicht älter als 4 oder 5 Jahre, schlich ich mich zum Wohnzimmer im Haus meiner Großeltern. Alle saßen sie vor der Flimmerkiste, nur ich musste schon schlafen. Ich machte die Türe ganz leise auf, ganz vorsichtig und lugte durch den Spalt. Da sah ich plötzlich, dass Opa mir zuzwinkerte und grinste wie selten – was war ich erschrocken! Opa hielt dicht. Doch irgendwann merkte Mama, dass ich anwesend war. Mann, gab das ein Gebrüll! Opa meinte immer wieder beschwichtigend: „Geh, lass sie doch!“

Ein anderer Opa-Splitter taucht auf: Sommer – Opa strich mich ein Schmalzbrot. Ein dickes, fettes Schmalzbrot. Meter dick für einen fünfjährigen Kindermund! Herzhaft versuchte ich in das Brot hinein zu beißen, das Schmalz lief mir links und rechts die Mundwinkel hinab. Oma kam plötzlich in die Küche und schimpfte Opa aus, wieso er mir denn so ein dick geschnittenes Brot gäbe. Opa meinte lakonisch: „Wieso net?“

Ein Oma-Splitter taucht aus meiner Erinnerung auf: Ich war furchtbar böse auf meine Mutter. Ich, ein sechsjähriger Dreikäsehoch, schimpfte meine Mama eine „dumme Kuh“. Mama hörte das – natürlich – oh, Schreck! Ich startete durch, lief dreimal ums Haus, meine schimpfende Mutter hinter mir her. Dann stürmte ich die Stufen zur Bauernstube hinauf und da stand Oma, passte mich ab, grinste mich an und sagte: „Diese Strafe musst du annehmen, denn frech darfst du nicht zu deiner Mama sein!“ Mama hechelte die Stufen hinauf und gab mir einen Klaps auf den Po. Einen leichten, denn natürlich war Mama nimmer ganz so fit nach einer dreimaligen Umrundung des Hauses. Bis heute meine ich, dass Oma Mamas Verfassung genau mit einberechnet hat, als sie meine Flucht vor Mama unterwanderte …

Meine Cousinen, mein Bruder und ich verbrachten die wunderschönsten Sommer immer bei Oma. Das waren Erlebnisse, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Expeditionen durch den Dschungel – in Wirklichkeit ein stink normaler Wald -, Hausbau im Wald, Schwimmen gehen in die Donau … noch ein Oma-Splitter: Oma schwamm immer äußerst seltsam – WENN sie schwimmen gegangen ist, denn das gehörte nicht gerade zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Oma schaffte es tatsächlich so zu schwimmen, dass sie niemals über ihre Brust hinaus im Wasser war. Schultern, Hals und Kopf waren immer staubtrocken. Auch in der Donau! Wie sie das gemacht hat, weiß ich bis heute nicht!

Heute lebt Oma im Altenheim. Ihre letzten Stunden sind gekommen. Meine Tante und meine Mutter kümmern sich liebevoll und aufopfernd um Oma, teilen sich das Anwesendsein. Sprechen mit ihr, lachen mit ihr. Und weinen, wenn sie den Besuch bei Oma beenden und wieder nach Hause fahren. Essen mag Oma nicht mehr, es schmeckt nicht und ist eine Qual. Der Magen schmerzt, die Verdauung funktioniert nicht mehr, das Herz macht schlapp, zwei Hirnschläge hat sie bereits hinter sich. Nun verliert Oma die Wörter, wie sie immer sagt. Spricht in Metaphern und Rätseln. Sieht Schatten, weiße Felder, bunte Felder, die sie „umschalten muss“. Macht Pausen zwischen dem Gesagten, weiß nicht mehr, worüber sie gesprochen hat. Und sie ist so fürchterlich schwach …

Dazwischen gab es bis vor ein paar Tagen immer wieder völlig klare Momente. Letztens, als mein Freund, Mama, Oma und ich am Balkon ihres Altenheimzimmers saßen, meinte sie: „Sag, belauscht uns jemand?“ Ich antwortete ihr: „Nein, Oma, das sind die Leute vom Café nebenan, die sind so laut. Die sind ja so nah, dass man direkt da rüber spucken könnte.“ „Na ich kann nicht spucken – da fliegt mir ja das Gebiss dabei heraus … “ meinte Oma und lachte wie ich sie noch nie in meinem Leben habe lachen sehen.

Die klaren Momente gibt es heute nicht mehr. Oma ist ein Pflegefall und will es nicht wahrhaben. Selbst in ihrem jetzigen Zustand weigert sie sich als Pflegling behandelt zu werden. Schwer für die Schwestern des Altenheimes, aber noch schwerer für meine Tante und meine Mutter, die ständig für Oma sorgen und denen ihr langsames Dahinsiechen das Herz bricht.

Ich wünsche meiner Tante und meiner Mutter viel, viel Kraft – ich bewundere Euch sehr!
Und ich wünsche meiner Oma, dass sie den zweiten Fuß auf die Rolltreppe hinauf zum weißen Kreuzfahrtschiff stellen und endlich loslassen kann!

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Kategorien:Essays

  1. das haben Sie wunderschön und mit viel Liebe beschrieben.
    Ich wünsche Ihrer Oma, dass sie bald in Frieden gehen kann

  2. Danke fürs Mitfühlen, orange57!

    LG kipet

  3. Nachsatz: Meine Oma ist in der Nacht von gestern auf heute nach langem Kampf und starken Schmerzen aus dem Leben geschieden. Ich werde sie stets in warmer und liebevoller Erinnerung halten und hoffe aus tiefstem Herzen, dass sie da, wo immer sie auch sein mag, glücklich ist!

  4. Ich danke Gott, daß ich bis zum Schluß mit meiner Mutter sein durfte. teilweise ging es an die grenzen, aber es war eine wunerschöne zeit, wenn auch die traurigste meines lebens.
    verena

  5. du und mama habt tolles geleistet. ihr seid für oma da gewesen, habt euch um sie gekümmert. trotz ihres schweren weges hat oma sicherlich wunderschöne momente mit euch beiden verlebt … man konnte es an ihrem absolut glücklichen lächeln, das sie immer wieder zeigte, sehen. danke euch beiden!

  6. Ja, es ist tröstlich, wenn man im Alter nicht alleine gelassen und abgeschoben wird.Ihre Oma hat bestimmt gespürt, dass ihre Kinder immer da gewesen sind und geschaut haben, dass es ihr auch gut geht und sie auf ihrem letzten Weg bis zum Schluß begleitet haben.
    Gut für alle, dass sie endlich gehen durfte….
    Mein herzliches Beileid.

  7. Danke, orange57, für Ihr Mitgefühl und Ihr Verständnis.

    Oma war sicherlich sehr glücklich ihre beiden Töchter um sich zu haben. Sie hat deren Liebe und Zuneigung gespürt, selbst in Zeiten, als sie mental kaum anwesend war, hatte sie des öfteren ein absolut glückliches Lächeln im Gesicht. Wie das Lächeln eines kleinen Kindes, das sich wohl fühlt und mit sich und seiner Umgebung im Reinen ist.

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