Klein-Manhattan – Mitten im Achten

Die Uhr zeigt beinahe eine Stunde nach Mitternacht – sämtliche Fenster sind der Hitze wegen zur Straße hin geöffnet. Ein anfänglich leises Stimmengewirr schwillt zur lautstarken Auseinandersetzung an. Geschrei, Gebrüll, man hört, wie ein Mensch auf einen anderen eindrischt als gäbe es kein Morgen. Man erkennt dieses Haut auf Haut klatschende Geräusch, auch wenn man nicht gewohnt ist es zu hören. Teils sensationslüstern, teils besorgt sehe ich aus meinem Fenster und mich packt das blanke Entsetzen …

Rettungseinsatz bei Nacht; Bild: kipet

Rettungseinsatz mitten im Achten

Als ich in meine idyllische kurze Straße im 8. Wiener Gemeindebezirk gezogen bin, konnte ich mir noch nicht ausmahlen, was es heißt hier – genau in jener Gasse – zu wohnen.

Voll Vorfreude und Optimismus auf einen neuen Lebensabschnitt, eine neue Wohnung und neue Mitbewohner übersah ich leider ein Schild über einem von der Straße aus in den Keller führenden Eingang. Ein Schild mit dem vibrierenden Namen „Vibrations„, ein Lokal, dass sich selbst „best raggae and hiphop club in town“ nennt.

Im ersten Jahr hielt sich die Lärmbelästigung in Grenzen.

Im zweiten Sommer war man schon sensibilisierter.

Im dritten Sommer konnte man an Schlaf bei offenem Fenster nicht mehr denken. Die Kids strömten, wegen der schlechten Belüftungsanlage alle Daumen lang aus dem heißen, stickigen, verqualmten Lokal. Halbtaub ob der musikalischen Bedröhnung im Kellerlokal, brüllten, kicherten, sangen die Vibrations-Besucher einander dementsprechend laut auf der Straße an. Bei einer Öffnungszeit bis 4 Uhr Früh ein schlimmes Ärgernis für die umwohnenden Mitbürger.

Die Kalamitäten zwischen Club-Besucher und Anrainer nahmen neue Ausmaße an. Bat man die jungen Erwachsenen um etwas mehr Ruhe, erntete man anstatt des normal zu erwartenden Verständnisses, freche und beleidigende Bemerkungen.

Heuer, in meinem vierten Jahr in der kleinen engen Gasse im 8. Bezirk, scheint Klein-Manhattan nach Wien gekommen zu sein. Razzien, Polizeieinsätze, Rauchbomben werden im Lokal gezündet, Drogenhandel, Messerstechereien, Prügeleien. Mit der Zeit stumpft auch der sensationslüsternste Zuschauer ab.

Doch diese Woche Montag war das Maß voll.

Zirka eine Stunde nach Mitternacht brach die Hölle los. Aus mir unbekannten Gründen spuckte das Kellerlokal plötzlich zwei sich prügelnde Männer aus. Lautes Geklatsche – Fleisch auf Fleisch. Ein Geräusch, dass es einem kalt über den Rücken lief. Die zuschauende Menge wurde immer größer, doch keiner griff ein um den brutalen Fight zu stoppen. Im Gegenteil. Irgendwann hatte der gigantische Türsteher einen Schlagstock in der Hand und prügelte gekonnt damit auf sein Gegenüber ein, so lange, bis der Mann auf dem Boden lag. Dem nicht genug, setzte der Hüne sich seinem wehrlosen Opfer auf die Brust und prügelte immer weiter und weiter auf den Verletzten ein. Blut spritzte, Mädchen kreischten, der am Boden liegende Mann versuchte mit den Armen die brutalen Schläge, die auf sein Gesicht zielten, abzuwehren.

Entsetzte Gesichter bei den an den Fenstern stehenden Anrainern. „So hör doch endlich auf, warum unternimmt denn keiner was?“ Etliche Zuschauer an den Fenstern sprachen in ihre Handys, wohl um die Polizei zu rufen.

Der Türsteher prügelte so lange auf den Verletzten ein, bis die Polizei kam. Und leider ließen sich die Beamten ziemlich lange Zeit in meiner kleinen Gasse aufzutauchen. Kurz bevor unsere Freunde und Helfer in diese fürchterliche Szenerie eingriffen, hörte der Türsteher mit seinen Schlägen auf, überreichte dem Besitzer des Vibrations den Schlagstock – der die Waffe sofort in seinem Lokal verschwinden ließ – und blieb immer noch dem Verletzten drohend auf dessen Brust hocken.

Die Polizei trennte die beiden Kämpfenden, holte die Rettung und versuchte die Sachlage zu klären.

Klein-Manhattan ist in Wien angelangt. Vor meinem Haus spielen sich des nächtens tumultartige Szenen à la CSI & Co ab. Erschreckend, bedrohlich und verwirrend.

Erschreckend, weil Gewalt einer Spirale gleich immer aggressiver und brutaler passiert.
Bedrohlich, weil die unmittelbare Gewalt direkt vor meiner Haustür lauert.
Verwirrend, weil niemand der umstehenden Menschen dem Verletzten zu Hilfe eilte.

Ich freue mich schon auf meine nächste neue Wohnung …

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Kategorien:Essays

  1. Wirklich traurig, einen solchen Bericht zu lesen. Wo bleibt denn unsere viel gerühmte Obrigkeit?
    Anscheinend ist es problemloser sich Zeit zu lassen. Wer, wenn nicht unsere Polizei, könnte solche Handlungen stoppen?
    Natürlich ist es auch schauerlich erkennen zu müssen, dass im Ernstfall NIEMAND einem Bedrohten hilft ….

  2. das hauptproblem in „meiner“ gasse ist, dass die polizei wenigstens einmal pro nacht wegen der gäste des vibrations ausrücken MUSS. leider lassen sich unsere freunde und helfer manchmal so lange zeit mit dem herkommen, dass die ganze chose auf der straße schon wieder gelaufen ist und die kids im lokal kräftig weiter feiern. das heißt, einsatz umsonst. daher passiert es auch schon mal, dass die polizei überhaupt NICHT auftaucht …

  3. jessas, da mußt ja schon Angst haben, wennst mal später nach Haus kommst 😦

  4. wenn ich mal wirklich spät nach hause komm, fahre ich mit dem taxi …

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