rosarot

Zauberhafte (Film-)Welt Bollywood

August 16, 2007 · 2 Kommentare

Bollywood – ein fantastisches Märchen in pink, gold und orange. 

Szene aus “Kuch Kuch Hota Hai” (1998)

Sharukh „King“ Khan und Kajol (links im Bild) in „Kuch Kuch Hota Hai“ (1998); Regie: Karan Johar

Das Bollywood-Rezept:
Wunderschöne Frauen, strahlende Helden, zögerliche Antihelden, ein klassischer Bösewicht, eine Mutter, die kleine Schwester oder der kleine Bruder, knallbunte Massen-Tanzszenen mit für europäische Ohren leicht gewöhnungsbedürftiger Musik und eine herzzerreißende Story über Liebe, Leid und Verzicht. Daraus entsteht ein kunterbunter Stil-Mix, der sg. Masala-Film (Masala = Gleichzeitigkeit verschiedener Geschmacksrichtungen), der scheinbar Widerstrebendes zu einem Ganzen zusammenfügt. Komik und Tragik liegen unverzichtbar dicht beisammen. Das ist Bollywood wie es leibt und lebt.

Zentrale Themen in Bollywoodfilmen: Familie, Religion, Freundschaft und nicht zuletzt – die große Liebe.

Musik, Tanz und Superstars:
Der indische Film beinhaltet ein ganz besonders hervorstechendes Charakteristikum: die groß angelegten Tanz- und Sangesszenen – im Bollywood-Jargon „Picturizations“ oder „Song-and-Dance-Szenen“ genannt -, die einen klassischen Bollywoodstreifen um die sieben Mal unterbrechen und somit Filme mit Überlänge produzieren. In der Regel singen die Darsteller nicht wirklich beim Dreh - Dialoge, Texte und Geräusche werden nachsynchronisiert.

Doch mehr und mehr wendet sich das Genre dem westlichen Filmgeschmack zu, nicht zuletzt der wohlhabenden Klientel der NRIs (non resident Indians) in Europa und den USA wegen. Die Song-and-Dance-Elemente werden immer seltener im Bollywood-Film eingesetzt, manchmal zugunsten der Story sogar komplett weg gelassen.

Lang bevor der neue Streifen in die Kinos kommt, wird eine gut geölte Merchandisingmaschinerie in Gang gesetzt: der Run auf die Tonträger zur Musik eines demnächst erscheinenden Films ist unvergleichlich. Dieserart mutieren die Darsteller wie Sharukh „King“ Khan und Kollegen zu Superstars, die in Indien beinahe einen gottgleichen Status genießen.

Liebe, Sex und Tabus:
Man stelle sich vor: eine Kleinstadt vor Mumbai, zig-tausende Leute, ganze Familienclans, sammeln sich in ihrem schönsten Sonntagsstaat um ein Bettlaken, das an einer Hausmauer befestigt wird. Zuckersüße Zuckerstangen werden an die Kinogeher verkauft. Ein Beamer wird aufgestellt, die Menschen verstummen augenblicklich: der neueste Bollywood-Streifen wird gezeigt! Während der Vorstellung ist kein Mucks zu hören. Einzig bei den Song-and-Dance-Szenen ertönt frenetischer Applaus, so mancher Fan, der schon im Vorfeld die Musik-CD zu dem Film erstanden hat, singt lauthals mit. So sieht selbst heute noch Kino in Indien aus. Oma, Opa, Kleinkind und Eltern, Schwestern, Brüder, Onkeln und Tanten, Cousins und Cousinen - alle schauen dem bunten Spektakel, das auf dem Bettlaken an der Hausmauer gezeigt wird, zu. 

Im sittenstrengen Indien sind Filmhits sind ausgesprochen familientauglich. Sexszenen sind ein unumstößliches Tabu. Aufklärungsunterricht in Schulen findet nicht statt. Selbst ein harmloser Kuss im Film widerspricht den Werten der Inder, am ehesten sieht man die Protagonisten einen sg. „Eskimo-Kuss“ austauschen – ein Aneinanderreiben der Nasen. Dass es in letzter Zeit verstärkt zu Kussszenen kommt, muss man dem westlichen Einfluss in den indischen Film zuschreiben.

Bollywood goes West:
Dank der NRIs haben die knallbunten Bollywood-Storys auch in die DVD-Sammlungen westlicher Haushalte Einzug gehalten. Fernsehanstalten wie RTL II und ARTE nehmen ganze Themenabende für das Genre Bollywood ins Programm. Tanzstudios geben Bollywood-Dance-Stunden. Für einen Konzertabend mit einem Bollywood-Star blättert man selbst im Westen ein kleines Vermögen hin. Ebenso sind seit einiger Zeit Bollywood-Bühnenshows in Europa groß angesgat – zB. „Bollywood – The Show“ und „Bharati“ … kurz: das „Virus Bollywood“ ist in Europa und den USA angelangt.

Bollywood vs. Hollywood:
Indien gilt als die filmverrückteste Nation der Welt. Wer aber denkt, Hollywood-Blockbuster locken das Volk in die Kinos, irrt gewaltig: Streifen aus den USA erreichen in Indien lediglich einen Marktanteil von unter fünf Prozent, denn Indiens Filmindustrie dominiert, befriedigt und bestimmt das Filmverhalten der indischen Weltbevölkerung.

Mark Brady, Produzent von „Bollywood – The Show“ erklärt das Phänomen Bollywood sehr treffend: „Bollywood ist unverbraucht, unschuldig, einfach, schnell.“

Literatur:
Paul Willemen und Ashish Rajadhyaksha: „Encyclopedia of Indian Cinema“ (2001)
Lait Joshi, Derek Malcolm und Lalit Mohan Josh: „Bollywood: Popular Indian Cinema“
Myriam Alexowitz: „Traumfabrik Bollywood“ (2003)
Ashok Banker: „Bollywood: The Pocket Essential“ (2001)
Tejaswini Ganti: „Bollywood – a guidebook to popular Hindi cinema“

Die wichtigsten Filme:
Kamal Amrohi: „Mahal“ (1949)
Raj Kapoor: „Awaara“ (1951)
Bimal Roy: „Do bighara Zarim“ (1953); „Devdas“ (1955)
Mehboob Khan: „Mother India“ (1957); „Aan“ (1952)
Gutu Dutt: „Jaal“ (1952); „Pyaasa“ (1957)
Ramesh Sippy: „Seeta aur Geeta“ (1972); „Sholay“ (1975)
Manmohan Desai: „Amar Akbar Anthony“ (1977)
Mani Ratnam: „Dil Se“ (1998); „Bombay“ (1995)
Ashuntosh Gowariker: „Langaan“ (2001; Oscar-nominiert); „Swades“ (2004)
Adity Chopra: „Dilwale Dulhania Le Jayenge“ (1995)

Kategorien: Bollywood · Medienreportagen

2 Antworten bis hierher ↓

  • Mandy // Juli 8, 2008 um 5:10 | Antworten

    alle sind toll und traurig.

  • kipet // Juli 9, 2008 um 6:11 | Antworten

    Hallo Mandy, willkommen auf meinem Weblog.

    Stimmt, eines der typischen Merkmale der Bollywoodfilme sind die traurigen Elemente in den Filmen – meist werden die Tränendrüsen der Zuschauer in Liebesdingen beansprucht, oder aber es stirbt ein geliebter Mensch (Vater, Mutter, Bruder, Ehemann, Ehefrau…). Am Ende gibt’s immer ein Happy End, doch Held und Heldin haben einige schwere Lebenskrisen zu durchleben.

    Der Grund hierzu ist auch ganz schnell erklärt: Bollywoodfilme sind für die ganze Familie gemacht. Vom Urgroßvater bis zum Ururenkerl schauen alle zu. Ein Bollywoodfilm ist in Indien auch heute noch ein Familienereignis, das meist keine Brutalitäten und Quälereien beinhalten soll. Ebenso sind deswegen Kussszenen absolute TABUS im indischen Film.

    Aber alles wird mit der Zeit lockerer und so sieht man heute auch schon mal ein leises Rumgeschmuse in Bollywood. Vor allem, da nun Hollywood (Spielberg zB.) sich nach Bollywood wendet, wird sicherlich einiges anders. Ob zum Besseren oder Schlechteren ist und bleibt Geschmackssache. ;-)

    LG Kipet

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