Bollywood: ein historischer Abriss

Von Anbeginn beschritt der indische Film – eingebettet in Traditionenen, religiösen Mythen und Geschichten, Tabus und Familiensinn – seinen ganz eigenen Weg in der Geschichte des Zelluloids.  

Sharukh Khan in Tanzszene; Bild: katja.wolakota.net/bilder/b9.jpg 

Historischer Abriss:

Erste Film-Kontake:
1896
tauchten Abgesandte der Lumière-Brüder in Bombay auf und führten Vertretern der europäischen Kolonialherrschaft die ersten Filme vor. Trotz des westlichen Einflusses bestimmte die indische Tradition von Anbeginn die indische Filmkultur. Das Medium „Film“ erlangte am Ende des 19. Jahrhunderts in Indien große Popularität. Im Vordergrund standen - wie später im indischen Tonfilm - die Musik, der Tanz und ein eigenwilliger Sinn fürs Spektakuläre ganz im Stile des großen Theaters der Parsi.

Die Anfänge:
1912
eignete sich der „Vater des indischen Kommerzkinos“, Dadasaheb Phalke, bei einer Reise nach London filmisches Knowhow an und bannte nach seiner Rückkehr in seine Heimat einheimische Göttermythen und Geschichtslegenden auf Zelluloid. Phalkes Lebenswerk – großteils Stumm-, wenige Tonfilme – ist leider nur noch Bruchstückhaft erhalten.

Der erste indische Tonfilm:
1931
kam  mit Alam Ara, Regie: Ardeshir M. Irani, der erste indische Tonfilm auf den Markt. Dieser Streifen führte ein bahnbrechendes Element in die Tradition des indischen Films ein: Die Story wurde insgesamt mit sieben Tanz- und Gesangseinlagen aufgelockert, und erreichte erstmals – für europäische Begriffe – eine Überlänge von vier Stunden. Die sg. Song-and-Dance-Sequenzen sind heute ein Markenzeichen des populären indischen Films.

Die Studio-Ära (1920er – 1950er Jahre)
In den 1920er und 30er Jahren entstanden in Bombay die ersten großen Filmstudios. Tejaswini Ganti, Filmemacher, Anthropologie-Professor an der NYU und Autor des Buches „Bollywood: A Guidebook to Popular Hindi Cinema“ (Bestellung bei Amazon bitte hier klicken), stellt allerdings fest: „Anders als in Hollywood kam es nie dazu, dass eine Handvoll Studios das gesamte Geschäft monopolisierten, die meisten indischen Studios kontrollierten weder den Verleih noch die Kinos.“

Die bedeutendsten Filmstudios dieser Zeit waren Imperial Films (1928-1936), die Prabhat Film Company (1933), das bengalische Studio New Theatres und das Bombay Talkies (1934 – 1954). Letzteres produzierte in den 1930er und -40er Jahren einige der besten Filme.

Auslands-Filmprofis:
1925
entschloss sich Franz Osten, alias Franz Ostermayr - Mitbegründer der Münchener Emelka-Filmstudios (später die Bavaria) -, in Indien mit Die Leuchte Asiens eine Art exotisch gewürzten Heimatfilm zu drehen. Gemeinsam mit dem indischen Filmfan Himansu Rai gründete Osten die Studios Bombay Talkies und drehte, bis zu seiner Ausweisung 1939, im Westen wenig beachtete Werke. Während Ostens Ära kamen viele westliche Filmprofis nach Indien. Unter ihnen auch ein österreichischer Kameramann – Josef Wirsching – der bis in die 1960er Jahre bei den wichtigsten Produktionen des Dichters und Regisseurs Kamal Amrohi hinter der Kamera stand.

Fearless Nadia; Bild: www.nato-leipzig.de/bollywood/movies.html

Action-Heldin “Fearless Nadia” in Aktion

Auslands-Aktrice Mary Evans:
1936
wurde die spektakulärste Figur, und gleichzeitig ein australischer Import, des frühen indischen Tonfilms auf  Zelluloid gebannt: Mary Evans machte sich als “Fearless Nadia” unter der Regie von Homi Wadia als furchtlose Action-Heldin und peitschenschwingender, weiblicher Zorro einen Namen. Blond, blauäugig, ein bisschen pummelig, mutierte sie wahrlich zum ungewöhnlichsten Star der indischen Filmgeschichte.

Das Ende der Studio-Ära:
Schon in den 1950er Jahren geriet das indische Studiosystem ins Wanken und wurde durch mafiös gestrickte Unternehmen, die die Filmindustrie mitunter bis heute als Geldwaschanlagen nutzen, abgelöst. Höchst erfolgreich waren und sind Produktionen, in denen wenige Beteiligte zusammenarbeiten. Oft ziehen ganze Großfamilien an einem Strang. Ausgehend vom Multitalent Raj Kapoor, er war Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person, ist zB. der Kapoor-Clan in Bollywood bis heute höchst präsent.

Die Goldene Ära Bollywoods:
In den 50er und 60er Jahren wurden viele, immer wieder gezeigte, Klassiker gedreht. In diese Ära fiel auch die klare Trennung zwischen dem bunten Masala-Film (Masala = die Gleichzeitigkeit verschiedener Geschmacksrichtungen) - also das dem Mainstream und der Popkultur zugeneigte Bollywood - und dem so genannten „Parallel Cinema“, einer Form und Spielart des indischen Films, der mit dem Bollywood-Kinos nichts gemein hat. Die meist bengalischen und/oder muslimischen Filmemacher hielten mit gesellschaftskritischen Elementen nicht zurück. Allen voran ist hier der bahnbrechende Klassiker Mother India (1957) von Mehboo Khan zu nennen.

Bollywood:
In den 70er Jahren war die Trennlinie zwischen dem “Masala-Film” und dem „Parallel Cinema“ vollzogen. Knallbuntes Kino mit Sang- und Tanzeinlagen drehten die Kommerzschraube in ungeahnte Höhen. Just in dieser Zeit würfelte ein Filmkritiker aus dem „B“ des Stadtnamens Bombay und der US-Filmmetropole Hollywood zu dem leicht abfällig gemeinten Bollywood zusammen und gab damit diesem Filmgenre einen neuen Namen. Dieser Name traf und trifft auch heute noch am Subkontinent auf harsche Kritik – Fans und Filmschaffende wollen ihre Filme nicht mit den westlichen Machwerken verglichen sehen.

In dieser Zeit entstand u.a. auch der Curry-Western Sholay (1975), oder der leicht durchgeknallte Streifen Amar, Akbar, Anthony (1977) – beides hochkarätige Unterhaltungsfilme, die heute zu den Klassikern ihres Genres zählen.

Niedergang des indischen Films:
Gleichzeitig wuchs der an Belanglosigkeiten strotzende Trash, ein schauderbarer Trend, der sich bis in die 80er Jahre fortsetze und den Tiefpunkt des indischen Kommerzkinos darstellte.

Neues Zielpublikum:
Dank der neuen Zielgruppe der NRIs (non resident Indians) in den USA und Großbritannien erhielt der indische Kommerzfilm in den 90er Jahren einen neuen Schub. Die Filmemacher richteten ihre Streifen auf anspruchsvollere Blockbuster-Produktionen hin aus um weltweit die wohlhabenden und gebildeten Filmfans zu erreichen. Der Plot ist nicht nur verwestlicht, die Handlung ist oftmals in Europa und Amerika angesiedelt. Einige Produktionen – vor allem jene aus dem Genre des “Parallel Cinemas” – u.a. der ins Mafia-Milieu von Bombay verlegte Streifen Maqbool (2004), können durchaus bei diversen großen Filmfestivals bestehen. 

Bollywood – Knollywood – Tollywood:
Als Bollywood-Filme werden in der Regel hindi-sprachige Kommerzstreifen bezeichnet. Filme aus anderssprachigen Regionen sind in den Begriff Bollywood nicht inkludiert – z.B. Tamil Nadu (Knollywood), Andrah Pradesh (Telugu-Filme; Tollywood) u.s.w. Alles in allem entstehen in Indien jährlich über 800 Filme. Allein Bollywood produziert rund 250 Streifen pro Jahr und somit um ein vielfaches mehr als die US-Traumwerkstatt Hollywood. Die bekanntesten Studios sind Filmalaya und
Film City, im Norden der Stadt Mumbai, dem einstigen Bombay (Umbenennung Bombays in Mumbai im Jahr 1995).

Weiterführende Links:
http://www.filmreference.com/encyclopedia/Independent-Film-Road-Movies/India.html


4 Antworten zu „Bollywood: ein historischer Abriss“

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